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Starthilfe für die Kleinsten



Babys, die zu früh auf die Welt kommen oder nach der Geburt unter gesundheitlichen Komplikationen leiden, erhalten auf der Neonatologie die nötige Unterstützung. Hier werden die Kleinen medizinisch so versorgt und gepflegt, dass sie sich später normal entwickeln können.

 

Manchmal haben die Mütter weite und beschwerliche Wege hinter sich, wenn sie mit ihren Babys in einem der Kantha Bopha-Spitäler eintreffen. Die meisten Geburten im Land finden im privaten Rahmen oder in einem regionalen Gesundheitszentrum statt – treten dabei Komplikationen auf, erfolgt oft der Transport zu uns nach Siem Reap oder Phnom Penh. «Das ist gefährlich für die Kleinen, die oft in prekärem Zustand ankommen», erzählt Jean-Claude Fauchère. Der Neonatologe aus Zürich ist seit 2017 damit beauftragt, das Team in Kambodscha in die Medizin für Neugeborene einzuführen und darin auszubilden.


Gemeinsam mit Spitalmitgründer Peter Studer und der Spitalleitung vor Ort hat er damals ein Projekt ins Leben gerufen, um die Neonatologie schrittweise zu modernisieren und auszubauen. Medizinische Behandlungen gehören genauso dazu wie pflegerische Aspekte – so sind bei den Neonatologie-Missionen vor Ort immer Ärzte und Pflegefachpersonen aus der Schweiz dabei. «Die Umsetzungen der Ideen und neuen Ansätze liegen in den Händen der lokalen Teams. Wir begleiten und unterstützen sie dabei mit unserem Wissen und unserer Erfahrung», erklärt Jean-Claude Fauchère, der vergangenen November mit Cécile Keller (Fachexpertin Intensivpflege und Instruktorin) in Kambodscha war.

 


Effektive Behandlungen müssen nicht immer teuer und mit Hightech ausgestattet sein. Das zeigt der Einsatz von Koffein: Bei Frühgeborenen ist das Atemzentrum im Hirn noch nicht ausgereift. Es kommt regelmässig zu Aussetzern, also zu Atempausen, während denen die Organe keinen Sauerstoff erhalten. Deshalb haben die Angehörigen ihr Baby früher kontinuierlich stimulieren müssen – sie durch das Rütteln des Körpers zum Atmen gebracht. Tag und Nacht. Doch was, wenn die wachende Mutter oder Grossmutter mal auf die Toilette muss, sich etwas zu Essen holt oder einschläft? «Koffein verhindert Atemstillstände», sagt der Neonatologe. Da Koffein in Thailand auch als Aufputschmittel gilt, dauerte es allerdings ein Jahr, bis die Einfuhr von dort nach Kambodscha bewilligt worden ist. Einfach und effektiv wirkt auch Vitamin-K – eine einmalige Dosis kostet pro Kind 15 bis 20 Rappen und verhindert schwere Hirnblutungen in den ersten Lebenstagen.

 

Das sind nur zwei von vielen Beispielen, wie die Situation für die Kleinsten kontinuierlich verbessert werden konnte. Apparate wie Brutkästen und Fototherapie-Lampen kommen zum Einsatz, ebenso sanfte Atemunterstützungsmethoden und mechanische Beatmung. In der Pflege geht es um Themen wie Temperatur, Hygiene und Lagerung. Die Sterblichkeit der Babys ist dank der Neonatologie seit 2017 gesunken.



Aktuell steht das Thema Ernährung im Vordergrund: Kinder, die nicht oder zu wenig über den Magen-Darm-Trakt aufnehmen können, erhalten intravenös eine sogenannte parenterale Ernährung mit den notwendigen Nahrungsmittelkomponenten. Die Suche nach einer geeigneten Lösung dauerte lange und gelang schliesslich dank der engen Zusammenarbeit zwischen Denis Laurent (Generaldirektor unserer Spitäler) mit den Neonatologen Jean-Claude Fauchère und Vincenzo Cannizzaro (Universitätsspital Zürich) und den Pflegefachfrauen Cécile Keller und Simone Keller (Kinderklinik Bern) sowie der fachlichen Unterstützung von Gastroenterologe Christian Brägger (Kinderspital Zürich). «Somit retten wir nicht nur die Leben der Babys, sondern wir ermöglichen damit eine deutlich verbesserte psycho-motorische Entwicklung», erläutert Jean-Claude Fauchère.

 

Wie in jeder Neonatologie kann jedoch nicht allen Frühgeborenen geholfen werden; auch die beste Medizin hat ihre Grenzen. «Das führt zu einer vertieften Auseinandersetzung mit ethischen Fragen», sagt der Fachmann. Jeden Morgen wird eine Triage gemacht: Welches Baby mit Bedarf nach intensivmedizinischer Betreuung hat reelle Chancen auf eine akzeptable Lebensqualität? Wo machen intensivmedizinische Behandlungen keinen Sinn mehr, weil damit mehr Schmerzen und Leiden erzeugt werden ohne sichtbare Vorteile einer solchen Behandlung – oder wenn damit das Sterben nur hinausgezögert wird? Wie klärt man solche Fragen in guter Qualität innerhalb der Teams, und wie erklärt man das anschliessend den Eltern? «Das gleicht einer Hochseilakrobatik – egal ob in Kambodscha oder der Schweiz.»



Regelmässig ist Jean-Claude Fauchère im Austausch mit den Kollegen in Siem Reap und Phnom Penh. Und er ist beeindruckt, was sie in der kurzen Zeit erreicht haben. In Zukunft möchte er seinen Fokus auf die Perinatalmedizin richten, der gesundheitlichen Versorgung von Schwangeren und Kindern kurz vor und nach der Geburt. Und auf den Aufbau eines nationalen Projekts in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium und externen Kliniken: «Wir simulieren die Situation im Gebärsaal nach – mit allen Beteiligten – und bilden das Personal in neonataler Betreuung und Reanimation besser aus.» Jean-Claude Fauchère hat bereits das Schweizer Pendant «Start4Neo» mit aufgebaut und plant auf Mai 2024 einen ersten Workshop dazu in Kambodscha. Dass sich dieser Einsatz lohnt, daran zweifelt kaum jemand: «In keiner anderen Disziplin der Kindermedizin ist das Geld so gut investiert wie in der Neonatologie – wir, die Kinder selber, ihre Familien und schliesslich die kambodschanische Gesellschaft bekommen ein Vielfaches davon zurück. Und dies Lebenslang.»




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