Warum wir uns mehr hauen sollten
- stiftungkanthaboph
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
«Wir müssen uns mehr hauen in der Schweiz.» Diesen Schluss ziehe ich schmunzelnd, als ich nach einem Tag auf der MPICU (Mother-Pediatric-ICU) aus dem Ward hinauslaufe.
Zu diesem Zeitpunkt habe ich etwa einen Monat in Kambodscha im Spital Kantha Bopha hinter mir, wobei sich Teile in der Maternité (Geburtshilfe), auf der Chirurgie (Pädiatrie) und eben auf der MPICU zugetragen haben. Ganz kurz konnte ich davor auch noch einige Tage Ferien geniessen und feierte Neujahr hier in Siem Reap. An jenem Abend kamen wir das erste Mal richtig in Kontakt mit den Einheimischen und tauschten uns, so gut es ging, aus. Da dauerte es nicht lange, bis die ersten freundschaftlichen Klapse ausgetauscht wurden, Hände auf Schultern gelegt wurden und eben «Haue» verteilt wurde. Solche freundschaftlichen Haue waren uns jetzt nichts Neues, doch schien hier die Schwelle niedriger zu sein.
Wir gingen nun durch die Tische, stiessen mit den meisten an («chol moii») und falls man an den Tisch eingeladen wurde, dauerte es nicht lange, bis man die ersten Haue abbekommen hatte. Man soll jedoch nicht meinen, diese Kontaktliebe habe nur uns gegolten. Untereinander wurde ebenso viel gestupst, gepatscht und gestossen wie gesprochen. Nach so einem Willkommen in unserer neuen Übergangsheimat waren wir umso gespannter, wie das Leben im Spital sein würde.
Die ersten Tage im Jayavarman VII haben mich umgehauen von den vielen ineinander verwobenen Emotionen. Worte wie Ehrfurcht, Ergriffenheit oder vielleicht sogar Demut kommen dem nahe. Man spürt, dass man Teil von etwas ganz Besonderem geworden ist. Beim ersten Gang durch das Spital verdichteten sich genau diese Gefühle so sehr, dass ich bei dem Gedanken, was hier für eine wohltuende Institution geschaffen wurde, den Tränen nahe war. Zum Beispiel dann, wenn Denis Laurent (Generaldirektor der Kantha-Bopa-Spitäler) zur Belegschaft spricht und verspricht, sich für gute Arbeitsbedingungen einzusetzen. In solchen Augenblicken wird mir erneut bewusst, dass die allermeisten Mitarbeitenden hier aus Überzeugung arbeiten und dass auch sie, so wie ich, das Gefühl haben, Teil von etwas Grösserem, Wichtigeren zu sein.
Als die Eindrücke des Werks Beat Richners nach einigen Tagen die initiale Intensität verloren hatten, erkannte ich das mittlerweile vertrautere Hauen wieder. Hier nun zwischen den Mitarbeitenden. Zwischen Pflegerinnen und Ärztinnen. Zwischen einer Putzkraft und uns Schweizer Interns. Zwischen dem Chefchirurgen und der Scrub-Nurse. Alle hauen sich. Ich wurde zunächst nicht gehauen. Anders als an Neujahr muss man sich die Kloppe ohne die Silvestereuphorie zuerst verdienen. Sobald ich das Khmer-1x1 mit «Wie heisst du?» («chmua ey»), «Wie geht’s?» («soksabai») und «Glücklich, glücklich!» («sabai sabai!») beherrschte, stieg die Kadenz der Hände auf meiner Schulter und der freundlichen Drücker am Oberarm rasant, der ersehnte Schlag auf den Rücken liess auch nicht lange auf sich warten.
Mit diesen kleinen Gesten veränderte sich jedoch mehr als nur die Begrüssungskultur. Diese körperliche Selbstverständlichkeit schuf Vertrauen. Wenn ich dann also in einem Operationssaal stand, bei dem der Arzt mir vorher kurz auf die Schulter geklopft hatte oder mich auch nur beim Erklären des bevorstehenden Falls angetippt hatte, fiel das aktive Beteiligen leichter. Angst vor falschen Fragen war praktisch null. Obwohl der Arzt die Verantwortung und das letzte Wort hatte, begegnete man sich auch mit allen anderen immer auf Augenhöhe. Jeder wurde angehört.
Diese kleine Geste hatte also doch eine grosse Wirkung. Vielleicht steht sie hier sinnbildlich für ein funktionierendes, angenehmes Arbeitsgefüge. Ein Gefüge, in dem ich gerne angestellt wäre. Eines, in dem Vertrautheit und Professionalität sich nicht widersprechen, sondern einander stärken. Indem man sich auf Augenhöhe begegnet, Verantwortung trägt und dennoch Nähe zulässt. Vielleicht entsteht genau daraus jenes Vertrauen, das nicht nur das Fragen erleichtert, sondern auch den Umgang mit Fehlern ehrlicher macht.

Notiz an mich: Halte Abstand von Stationen mit lieblosem Pazifismus. Ein solcher herrschte sicher nicht auf der schon erwähnten MPICU. Von Dr. Nai wurde ich hier ab den ersten Minuten geschlagen (ich benutze bewusst dieses Wort, da Nai zum Teil nicht zurückhält).
An eine andere Szene erinnere ich mich auch beim Schreiben dieses Textes. Nämlich als wir an einem Mittag mit den Direktoren, unter anderem Prof. Chantana (Direktor des Jayavarman VII), einen Armdrückwettbewerb veranstalteten. Hierzu habe ich noch ein Bild, das ich der Aussenwelt nicht vorenthalten will.
Wir sind also wieder am Anfang angekommen, wo ich die Hau-Kultur dem Schweizer Volk etwas näherbringen möchte. Ich bin grosser Fan der Schweiz und uns Schweizern, doch dieses bisschen Khmer (Kambodschanisch) würde uns meines Erachtens nicht schaden.
Beste Grüsse
Bjarne




Kommentare