Zu Besuch? Auf medizinischer Mission! Teil 1
- stiftungkanthaboph
- 10. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Einführung
Schon vor meiner Abreise wusste ich, dass ich, anders als die meisten meiner Vorgänger, im ersten meiner zwei Monate hier der einzige Schweizer Medizinstudent sein werde. Deshalb war ich noch ein wenig nervöser, als man vor einer grossen Reise sowieso schon ist. Ich machte mir Sorgen und Gedanken darüber, wie gut ich mich mit den Locals verbinden kann und ob ich auch Leute finden würde, die ausserhalb des Spitals etwas mit mir unternehmen. Oder ob ich in meiner Freizeit noch die Energie finde, um mir neue Freunde anzulachen. Ich wurde aber so herzlich empfangen, dass die Sorgen schnell verflogen.
Schon am ersten Tag wurde mir gesagt, dass bald ein Schweizer Professor zu Besuch kommen werde. Ich wusste, dass es sich dabei um Professor Ueli Möhrlen vom Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi) handelt. Ein paar Monate zuvor hatte ich mich mit ihm in seinem Labor, der Tissue Biology Research Unit, ausgetauscht, wo ich meine Masterarbeit absolviere. Wir haben damals rausgefunden, dass wir uns in Kambodscha wieder begegnen werden. Als ich diese Geschichte am Morgen vor dem grossen Rapport erzählte, wurde sogleich vom chirurgischen Leiter des Spitals, Prof. Keo Sokha, euphorisch vorgeschlagen, dass ich mich in meiner zweiten Woche der «5th Pediatric laparoscopy and thoracoscopy mission at 7th Jayarman Hospital» anschliessen soll. Es ging also nicht allzu lange, bis wieder jemand mein Schweizerdeutsch verstehen würde.

Montag
Prof. Möhrlen ist seit 2021 Direktor der Chirurgie am Kispi, Spezialist für Viszerale-, Thorax-, Fetalchirurgie, Co-Direktor im Zentrum für fetale Diagnostik und Therapie sowie Professor an der Universität Zürich. Am Montag nach seiner Ankunft wurde auch er, wie ich an meinem ersten Tag hier, am grossen Morgenrapport vom ganzen Spitalpersonal begrüsst – gleich nach der Nationalhymne, die jeden Montagmorgen gesungen wird. Der Spezialist wurde eingeladen, um die einheimischen Chirurgen in der minimal-invasiven Chirurgie weiterzubringen. Eine kleine Delegation aus Phnom Penh ist ebenfalls angereist, um an diesen Fortbildungen teilzunehmen. Noch dazustossen wird Dr. Denis Laurent, der Direktor beider Spitäler.
Nach dem Morgenrapport begann die gut vorbereitete grosse Visite. Es wurden Fälle zusammengetragen, die minimal-invasiv operiert werden sollen. Dabei wurden Indikationen diskutiert und entschieden, wer und wann operiert wird. 25 Mädchen und Buben standen auf der Liste. Das Team ging von Bett zu Bett. Die verantwortlichen Ärzte stellten die Kinder vor und übersetzten für Prof. Möhrlen und die Eltern bei ergänzenden Fragen. Alle anderen schrieben eifrig mit. Die Kinder wurden untersucht, wobei ich hier fast am meisten profitieren konnte, da mir noch nie so viele Ärzte gleichzeitig die Untersuchungen und Befunde im Detail erklärten. Gemeinsam wurden auch die Bilder besprochen, die aus der Radiologie kamen. Nur bei ein paar Patienten sah Prof. Möhrlen noch Bedarf für eine genauere Evaluation mit den Radiologen. Eine regelmässige Sitzung mit den Radiologen haben die Chirurgen nicht – ein erster Vorschlag, den sich Prof. Möhrlen für die Sitzung am Mittwoch merkte.
Es war Zeit für die erste Operation. Der Saal war voll, und dieses Bild begleitete uns durch die ganze medizinische Mission hindurch. Zum Teil waren es bis zu zehn Ärzte, die sich um den Gast herum bemühten, einen guten Blick auf die Operation und die Bildschirme zu erhalten. Zusätzlich kamen noch das unterstützende Team wie Anästhesie- und OP-Pflege und ich dazu, und dann war der Saal mit bis zu zwanzig Personen gefüllt. Ein lustiger Anblick. Mich erinnerten die Bilder ein bisschen an die «Wo ist Walter?»-Bücher oder ein Renaissance-Gemälde. Das wäre so in der Schweiz nicht möglich, meinte der Professor zu mir.

Danach gabs Mittagessen. Prof. Sokha war es sehr wichtig, dass wir während der Mission alle gemeinsam in die Kantine gingen. Ich kann nicht beschreiben, wie unterschiedlich die Kantine hier im Vergleich zu denen in der Schweiz ist. Aber wir genossen täglich in guter Runde ein Home-Style-Mittagessen. Sehr fein und authentisch und jeweils genug, dass sowohl der Professor als auch ich keinen Znacht mehr brauchten.
Am Nachmittag ging es zurück in den OPS und zwischen den Operationen besuchten wir die Neugeborenen-Intensivstation, um hier weitere Patienten zu sehen. Vor Feierabend gab es dann die Sitzung mit den Radiologen zur Vollendung eines erfolgreichen ersten Tages.
Für die kommenden Tage fand sich ein guter Rhythmus: Nach dem grossen Morgenrapport stiess Prof. Möhrlen zu uns. Es wurde eine kleinere Visite abgehalten, meist bei den Kindern, die gleichentags operiert werden sollten, und bei solchen, die neu dazugestossen sind. Danach gingen wir in den Operationssaal, dann Mittagessen und wieder operieren. Und nach dem offiziellen Feierabend konnte Prof. Möhrlen aufgrund der Zeitverschiebung noch den wichtigsten Verpflichtungen am Kispi nachgehen.
Dienstag
Heute durfte ich an einer Operation teilnehmen. Mir war sehr wichtig, dem Austausch zwischen den Ärzten und dem Professor nicht im Weg zu stehen. Und ich war mir bewusst, dass ich in dieser Woche lehrtechnisch nicht dieselbe Aufmerksamkeit erfahren werde, wie in der Woche davor, auf der Intensivstation. Die Mission galt der Wissensvermittlung von minimal-invasiven Operationstechniken. Im Verlauf des Tages traf Generaldirektor Dr. Denis Laurent ein. Nach dem Mittagessen wurde das erste Mal zusammengesessen und geschaut, welche Themen besprochen werden müssen an der antizipierten Sitzung am Folgetag. Und bei einem Besuch auf der Neonatologie sind wir uns nochmals begegnet, zusammen mit einem Verkaufsteam für Medizinalprodukte. Auch hier wurde Prof. Möhrlen gleich um Rat gefragt.

Mittwoch
Neben den Operationen stand heute die grosse Sitzung im Vordergrund, der ich mich anschloss. Dr. Laurent meinte es ja alles transparent, und Prof. Möhrlen habe keine Kontroll- oder Evaluationsfunktion, sondern sei ausschliesslich in strategisch beratender Funktion an diesem Meeting. Ich fand die Sitzung mit der Spitalleitung äusserst spannend und aufschlussreich. Es wurden viele verschiedene Aspekte und Ideen aufgegriffen und aufgegleist. Teil der Mission war auch, dass Prof. Möhrlen mit dem Team eine Bedarfseinschätzung erstellte.
Es wurde über die zunehmende Wichtigkeit minimal-invasiver Methoden diskutiert und über eine mögliche weitere Mission, vielleicht sogar dieses Jahr noch. Prof. Möhrlen möchte beim nächsten Besuch einen erfahrenen Anästhesisten und eine erfahrene OP-Pflegende mitnehmen, damit der Austausch und die Weiterbildung auch auf diesen Ebenen optimal stattfinden können. Auch mit Blick auf ein kleines Bauprojekt, so dass künftig Sauerstoff und Druckluft über Leitungen und nicht mehr über Gasflaschen in die OP-Saale gebracht werden. Dafür wäre der Input der Anästhesie sehr wertvoll.
Es wurde auch über eine mögliche Kooperation im Bereich der Kinderurologie gesprochen und Themen wie Verbrennungsversorgung, den Ausbau der Kapazitäten, Dokumentation und Prozesse diskutiert. Wichtig war auch die Frage, welchen Platz die klinische Untersuchung und das Patientengespräch einnehmen, und wie diese Informationen im Team geteilt werden.
Donnerstag
Am Donnerstag wurden am Morgenrapport die Ideen von Prof. Möhrlen nochmals im Plenum aufgegriffen. Leider fehlt mir das Sprachverständnis, aber es ist schön zu sehen, wie wertvoll der Austausch ist. Nachmittags wurde das OP-Gebäude gereinigt und die Gelegenheit genutzt, um administrativen Arbeit nachzukommen. Bevor wir uns dann zu einem Abendessen mit Apsara-Vorführung trafen.
Freitag
Am Morgen verabschiedete sich Prof. Möhrlen nach erfolgreich beendeter Mission mit einem Vortrag und einer Fotosession. Er freue sich, bald wiederzukommen.
Mit herzlichen Grüssen aus Siem Reap
Diogo


























Kommentare