Zu Besuch? Auf medizinischer Mission! Teil 2
- stiftungkanthaboph
- 14. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Interview mit Prof. Ueli Möhrlen
Wie oft sind Sie schon für Missionen nach Kambodscha gekommen?
Das ist jetzt das vierte Mal. Mein erster Besuch war im Februar 2020, dann gab es eine Pause während der Covid-Zeit. Und nun bin ich einmal pro Jahr für jeweils eine Woche hier.

Ist das Ziel all Ihrer Missionen hier, die minimalinvasive Chirurgie weiterzubringen?
Es geht nicht nur um minimalinvasive Operationstechniken. Es geht auch um Indikationsstellung und Therapieplanung: Wie und wann stellt man die richtige Diagnose, was braucht es dazu – Anamnese, Status, weiterführende Diagnostik? Wie plant man anschliessend den richtigen Eingriff und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür? Natürlich wollen die Mitarbeitenden minimalinvasiv operieren lernen – das ist ihr Hauptziel. Aber für mich ist es auch wichtig, ihnen sorgfältige und indizierte Chirurgie beizubringen und auch die Interdisziplinarität zu fördern.
Wie sieht denn so eine Missions-Woche hier aus?
Im Prinzip geht es darum, mit dem kambodschanischen Team zu operieren. Ihnen zu zeigen, was Sie sehen wollen, versuchen alle Fragen aufzunehmen und soweit möglich zu beantworten. Sie dann so in das Denken hineinzubringen, dass sie sich auf ihr klinisches Können verlassen und nicht nur aufgrund eines radiologischen Befundes operieren. Und es ist immer wichtiger geworden, übergreifende Themen zu besprechen. Fragen wie zum Beispiel: Was für Geräte sollen angeschafft werden? Wie soll etwas aus- oder umgebaut werden?
Bisher waren Sie nur in Siem Reap tätig. Wieso?
Ihrerseits besteht von der Stiftung aus das Interesse, dass ich auch nach Phnom Penh gehe. Im Moment ist es für mich schwierig, zweimal im Jahr vom Kispi zusätzlich weg zu sein. Langfristig wäre es jedoch schon das Ziel, auch die Spitäler in Phnom Penh zu besuchen.
Was ist denn didaktisch das Ziel der Missionen?
Ziel ist es, die Ärzte hier die Fälle operieren zu lassen und ihnen die gewünschten Dinge zu zeigen und sie anschliessend zu supervidieren. Es ist sehr schön zu sehen, dass die Kollegen hier sehr genau aufpassen, schnell lernen und die Techniken exakt übernehmen. Und dass dieses Wissen dann auch bleibt. So zeigen die Kollegen hier mir jeweils die Eingriffe, die wir bei vorausgegangenen Missionen zusammen angeschaut haben, und sie operieren exakt so, wie ich es geteacht habe. Das macht grosse Freude, diese Nachhaltigkeit direkt zu sehen.
Was sind die wichtigsten Komplikationen während minimalinvasiver Operationen?
Blutungen oder die irreparablen Verletzungen einer Struktur, die sich nicht minimalinvasiv korrigieren lassen. Es braucht die Bereitschaft und das Wissen, sofort auf eine offene Operation umzusteigen zu können, wenn es nötig wird.
Trauen Sie das allen Operateuren zu, eine solche Situation zu erkennen und richtig einzuschätzen?
Bei den jüngsten Team-Mitgliedern bin ich mir nicht sicher, aber die älteren können das. Dafür braucht es einen erfahrenen Chirurgen, der Probleme bewältigen kann. Für die Jungen ist es wichtig, dass jemand bereitsteht, der reagieren kann. Gerade ein Profi wie Prof. Sokha kann offen diese Probleme lösen.
Sie scheinen viel Vertrauen in das Team hier zu haben.
Absolut. Ich glaube, sonst würde unsere Zusammenarbeit nicht funktionieren. Prof. Sokha geht während der Mission auch noch anderen Verpflichtungen nach und übergibt mir im Saal dann die Verantwortung. Das zeigt für mich eindrücklich, welches Vertrauensverhältnis besteht. Das Team arbeitet sehr sorgfältig. Sie stehen alle jeden Tag miteinander im Operationssaal, können einander zuschauen und voneinander lernen.

Was nehmen Sie nach einer Woche Mission mit?
Ich geniesse die Zeit hier sehr. Ich kann mit einem sehr motivierten Team Patienten behandeln und mein Wissen weitergeben. Ich schätze den freundschaftlichen und vertrauensvollen Austausch mit dem Team. Ich verbringe meine Zeit hier nicht mit dem Operieren von besonders schwierigen Fällen, die einfach Glück hatten, dass ich gerade hier war, sondern der Fokus liegt klar auf der Weiterbildung des lokalen Teams. Das ist nachhaltig.
Erinnern Sie sich an die ersten Begegnungen mit Gründer Beat Richner?
Das Kispi war seit langem eng mit ihm verbunden, da er hier einst gearbeitet hat. Ich selbst habe Beat Richner nicht gekannt. Aber sein Praxispartner und langjähriger Präsident der Stiftung, Dr. med. Alfred Löhrer, war der Kinderarzt meiner Kinder. Aber meine erste Bekanntschaft mit Beat Richner machte ich als Kind: Damals gab es Langspielplatten von ihm, mit Geschichten und Cello-Stücken.
Wurde Ihnen aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit bei Antritt Ihres neuen Postens im Kispi das Projekt auch ein wenig nahegelegt?
Nicht speziell, ich habe davor auch schon Entwicklungshilfe gemacht, in Tadschikistan, bei einem Projekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Durch die Verbindung des Kinderspitals mit der Beat Richner-Stiftung und den seit vielen Jahren kontinuierlichen Austausch macht es die Missionen hier auch nochmals deutlich einfacher, zum Beispiel auch was die Abwesenheit betrifft. Ebenfalls besteht auch ausserhalb der Missionen ein Austausch. So sehen wir uns über Zoom-Calls, bei spezifischen Fragestellungen oder Patientenbesprechungen, es gibt WhatsApp-Gruppen und an unserem Onkologie-Rapport nehmen sie auch bei Bedarf virtuell teil. So geht die Zusammenarbeit über die Missionen hinaus weiter.
Gibt es Equipment aus Zürich, das hier ein zweites Leben findet?
Ich glaube nicht. Es war Beat Richner wichtig, hier kein «Grümpellager» eines westlichen Spitals zu sein. Er wollte keine Drittländer-Medizin machen, sondern Erstwelt-Medizin. Für diese Einstellung wurde er lange kritisiert. Es sei ein Tropfen auf einen heissen Stein. Doch Beat Richner hat diese Idee durchgezogen und es geschafft, so eine moderne medizinische Versorgung für Kinder in Kambodscha aufzubauen – in einer Art, wie es sonst hier schwer zu finden ist. Es ist erstaunlich, dass so eine Erfolgsstory möglich ist. Und nun ist Beat Richner schon seit fast neun Jahren tot und es funktioniert weiter.
Mit herzlichen Grüssen aus Siem Reap
Diogo




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