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Magic happens here

  • stiftungkanthaboph
  • 5. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Dieses Jahr hat für mich anders begonnen als gewöhnlich. Statt in der kalten Schweiz zu sitzen, bin ich nun hier in Siem Reap, einem kleinen, oft unterschätzten Städtchen. Schon vom ersten Moment an spürte ich, wie lebendig diese Stadt ist und wie offen und herzlich die Menschen hier sind.


Ein Freund von mir hatte mir empfohlen, einen Teil meines Wahlstudienjahres im Kantha Bopha in Siem Reap zu absolvieren – er war selbst sehr begeistert von seinem Aufenthalt. Deshalb kam ich bereits mit hohen Erwartungen hierher. Das Spital hat mich dennoch nochmals positiv überrascht. Bereits am ersten Tag, während der Führung durch das Spital, hatte ich ein besonderes Gefühl, das sich in den kommenden Wochen immer wieder bestätigte. Es ist etwas, das man nicht so schnell vergisst.


Beim ersten Durchlaufen der langen Gänge spürte ich eine tiefe Dankbarkeit. Hoffnung und Vertrauen lagen in den Augen der Menschen. Auch heute noch laufe ich täglich durch diese Gänge und sehe, wie die Patientinnen und Patienten mit Zuversicht dort sitzen, selbst wenn es vielen sehr schlecht geht. Diese Zuversicht entsteht aus dem grossen Vertrauen in das Personal und in die Medizin des Kantha Bopha-Spitals, weil hier seit vielen Jahren die Patientinnen und Patienten stets hervorragend betreut werden.


Am Morgenrapport werden jeweils die Fallzahlen erwähnt: Über 1000 Patientinnen und Patienten befinden sich pro Tag im Spital und werden dort behandelt. Diese Zahl ist nichts Aussergewöhnliches, sondern eher sogar noch etwas tiefer, da sie in der Regenzeit normalerweise weiter ansteigt. Möglich ist diese hohe Patientenzahl unter anderem, weil das Spital sehr weitläufig gebaut ist.


Die Patientinnen und Patienten können überall auf dem Gelände warten, oft im Schatten der vielen Pflanzen. Auch das hat mich besonders beeindruckt: Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein Spital so schön sein kann. Die Architektur, kombiniert mit der üppigen Vegetation, verleiht dem Ort etwas Lebendiges und Beruhigendes. Sowohl im Spital als auch in den Tempeln in ganz Kambodscha zeigt sich, wie eng Natur und Bauwerke hier miteinander verwoben sind. Etwas, das ich als besonders schön empfinde.



Von links: Sicht nach Verlassen eines Patientinnenzimmers. Weg zum Morgenrapport. Ta Prohm Tempel.



Bild von Beat Richner in der Kantine.
Bild von Beat Richner in der Kantine.

Beim täglichen Vorbeigehen an den vielen wartenden Menschen wurde mir erst richtig bewusst, welche Dimension dieses Spital hat. Mehrmals war ich den Tränen nah, weil mir klar wurde, was hier tagtäglich geleistet wird.


Natürlich ist das Spital untrennbar mit den Namen Beat Richner und Peter Studer verbunden. Ihr Lebenswerk hat die Grundlage für all das geschaffen, was hier möglich ist, und persönlich finde ich es zutiefst inspirierend zu sehen, welchen Einfluss einzelne Menschen mit einem klaren Ziel auf so viele Leben haben können. Gleichzeitig ist es ebenso beeindruckend, wie dieses Werk heute weitergeführt wird von Ärztinnen, Pflegern, Hebammen, Therapeutinnen und allen weiteren Mitarbeitenden, die sich jeden Tag mit enormem Engagement um die Kinder und ihre Familien kümmern. Die Dankbarkeit gegenüber Beat Richner und Peter Studer ist aber auch immer noch spürbar, unter anderem dadurch, dass sich in nahezu jedem Raum Bilder von ihnen befinden.



Das Spital zeigt mir täglich, was Medizin bewirken kann: dass man mit ihr nicht nur einzelnen Menschen hilft, sondern ganze Lebenswege und unzählige weitere Schicksale beeinflussen kann. Mein Aufenthalt hier bestärkt mich persönlich nochmals in meiner Entscheidung, das Medizinstudium begonnen zu haben. Ich sehe hier, wie vielen Menschen geholfen wird und wie universell Medizin einsetzbar ist, unabhängig davon, wo man sich auf der Welt befindet.


Das Kantha Bopha ist in ganz Siem Reap bekannt. Spricht man mit den Menschen, erzählen viele, dass ihr eigenes Kind hier zur Welt gekommen ist. In einem kurzen Gespräch im Spital sagte mir ein Mann: «This here is like magic. I tell everybody they should go to Kantha Bopha, because magic happens there.» Nach meinem ersten Monat hier kann ich nur zustimmen: In diesem Spital geschieht tatsächlich täglich ganz Besonderes.


So beeindruckend das Spital als Institution ist, noch beeindruckender sind die Menschen, die hier arbeiten. Unabhängig von ihrer Position begegnet man überall Freundlichkeit, Kompetenz und einer grossen Bereitschaft, Wissen zu teilen. Zwei Sätze, die ich hier immer wieder höre, egal ob auf dem Markt, im Spital oder während Führungen, sind: «why not» und «no problem». Für mich spiegeln sie die pragmatische und zugleich sehr offene Art der Menschen in Kambodscha wider. Anstatt sich darauf zu fokussieren, warum etwas nicht möglich ist, wird fast immer zuerst nach einer einfachen und machbaren Lösung gesucht.


Diese Lebenseinstellung gefällt mir sehr, weil sie den Blick auf Möglichkeiten richtet, darauf, was man tun kann, statt auf Verbote oder Grenzen. Anfangs hatte ich etwas Angst, dass mir zu viel zugetraut würde und ich dadurch Fehler machen könnte. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass man mir zwar viel zutraute, dies aber stets gut begleitet war und das Wohl der Patientinnen und Patienten dabei nie gefährdet wurde. Zudem wird es jederzeit akzeptiert, wenn ich sage, dass ich mir etwas zuerst noch einmal genau anschauen oder mich absichern möchte.




Im Spital wird Wissen nicht nur gerne weitergegeben, sondern auch aktiv aufgenommen. Im Kantha Bopha-Spital sind regelmässig Teams aus der Schweiz zu Gast, die das lokale Personal unterrichten oder gemeinsam neue medizinische Techniken anschauen. Zufälligerweise waren in unserem ersten Monat gleich zwei solcher Missionen vor Ort und wir konnten diese während zwei Wochen begleiten. Für uns Studierende war es sehr spannend zu beobachten, wie dieser fachliche Austausch stattfindet. Besonders auffällig ist die grosse Wissbegierde der Mitarbeitenden vor Ort: Sie sind sehr interessiert an neuen Methoden und ausgesprochen bereit, dazuzulernen und sich weiterzubilden. Auch für uns war dieser Austausch sehr wertvoll, da beide Teams sowohl den Studierenden vor Ort als auch uns sehr viel beibringen konnten.




In meinem ersten Monat verbrachte ich zwei Wochen auf der Maternité, eine Woche auf der pädiatrischen und neonatalen Intensivstation sowie eine Woche auf der Kardiologie.


In der Kardiologie durfte ich beispielsweise Dr. Stambach im Ultraschallraum über die Schulter schauen, wo täglich sehr viele Patientinnen und Patienten untersucht werden. Viele kommen erst ins Spital, wenn sie bereits Symptome haben. Entsprechend sieht man Krankheitsbilder, die in der Schweiz heute kaum mehr anzutreffen sind, wie zum Beispiel Trommelschlägelfinger, die sich durch jahrelange Zyanose entwickeln. Auch angeborene Herzfehler sind oft deutlich hörbar, da sie teils lange unbehandelt geblieben sind. In einem spannenden Gespräch erfuhr ich jedoch auch, dass mittlerweile vereinzelt Patientinnen und Patienten kommen, die beispielsweise nur muskuläre Brustschmerzen verspüren und aus Sorge eine Abklärung wünschen. Dass Menschen inzwischen teilweise niederschwelliger kommen als noch vor zehn Jahren, spricht auch für die gute medizinische Versorgung und das gewachsene Vertrauen in das Kantha Bopha.



Zwei Wochen meines ersten Monats verbrachte ich in der Geburtshilfe. Hier wurde mir die enorme Variabilität des Lebens besonders bewusst. Im Schnitt kommen hier rund 60 Kinder pro Tag zur Welt. Man läuft durch die Gänge, sieht all die schwangeren Frauen mit neuem Leben in sich, geht in die Geburtssäle und erlebt eine Geburt nach der nächsten. Bereits in der ersten Woche durfte ich bei einer Geburt assistieren. Ich war überfordert, wurde aber hervorragend angeleitet und konnte der Mutter helfen, ihr Kind sicher auf die Welt zu bringen. Als ich das Neugeborene in den Armen der Mutter sah und ihr strahlendes Gesicht, war ich überglücklich. Dieser Moment wird mir für immer in Erinnerung bleiben.



Gleichzeitig gingen meine Gedanken weiter. Die Frau, der ich eben geholfen hatte, war selbst eigentlich noch ein Kind, gerade einmal 14 Jahre alt. Umso wichtiger ist es, dass sie hier eine gute medizinische Betreuung erhält und ihr Kind ohne Komplikationen zur Welt bringen kann.


Neben der Maternité verbrachte ich auch jeweils eine Woche auf der MPICU und der Neonatologie. Dort sah ich viele Neugeborene mit Asphyxie, also Sauerstoffmangel unter der Geburt, sowie Kinder mit schwerer Unterernährung, die möglicherweise lebenslange Folgen davontragen werden. Es zeigt eindrücklich, wie viele Menschen bereits Schicksale tragen, bevor sie überhaupt selbst Entscheidungen treffen können. Dieser Gedanke beschäftigte mich während meiner Zeit auf der Maternité und den Intensivstationen besonders stark: Wie unterschiedlich ein Leben bereits beginnt, allein abhängig davon, wo man geboren wird. Umso tröstlicher ist es zu sehen, mit wie viel Engagement, Fachwissen und Ruhe die Teams diesen Kindern begegnen.



Wenn ich am Abend das Spital verlasse, denke ich oft an die vielen Schwalben, die jeden Morgen über dem Gelände kreisen. Früher glaubte man, sie brüten nur dort, wo wahrer Frieden herrscht. Man nannte sie «die Taube des kleinen Mannes», ein Symbol, das hier seine tiefste Bedeutung findet: Da jede Behandlung kostenlos ist, erhalten auch die Ärmsten Zugang zu Spitzenmedizin. Es ist ein Ort, an dem soziale Herkunft keine Rolle spielt und die Würde des Kindes im Zentrum steht.


Für Seefahrer war die erste Schwalbe am Horizont das Zeichen für die Sicherheit des Hafens, nach harten Wintern war sie das Versprechen auf einen Neubeginn. Ich könnte mir keinen besseren Ort für sie vorstellen. Denn inmitten schwerer Schicksale ist dieses Spital genau das: ein Hafen des Friedens, ein Ort der Hoffnung und für so viele Kinder der Beginn eines neuen, gesunden Lebens. Hier ist die Magie der Schwalbe keine alte Legende, sondern täglich gelebte Realität.


Wenn ich dann nach einem langen Tag zu Hause ankomme, bin ich oft erschöpft von den vielen Eindrücken. Gleichzeitig bin ich unendlich dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen, und dankbar für all die Menschen vor Ort, die mich so herzlich aufnehmen.


Mit herzlichen Grüssen aus Siem Reap

Luis






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