Skoliose-Mission in Siem Reap

Im August und September konnten wir zu unterschiedlichen Zeitpunkten an Skoliose-Operationen im Kantha Bopha-Spital in Siem Reap teilnehmen und assistieren. Skoliose beschreibt eine pathologische Verkrümmung der Wirbelsäule, die meist in allen drei Dimensionen auftritt. Man unterscheidet zwischen der häufigeren idiopathischen Skoliose und der selteneren sekundären Skoliose. Idiopathische Skoliose tritt am häufigsten bei Jugendlichen auf: Während der Pubertät deformiert sich die Wirbelsäule aus bislang unbekannter Ursache. Geschieht dies früh in der Pubertät und ist die Fehlstellung ausgeprägt, kann eine operative Therapie notwendig sein.
Genau diese Operation durfte zunächst ich, Anaëlle, unter der Leitung des Kaders der Neurochirurgie und der Orthopädie des Kantha Bopha-Spitals besuchen. Es handelt sich um den ersten Eingriff dieser Art in Siem Reap unter rein kambodschanischer Leitung, entsprechend spürbar war vor der Operation die Nervosität. Die Patientin, die heute operiert wird, ist 14 Jahre alt und weist eine stark deformierte Wirbelsäule auf. Diese belastet sie nicht nur ästhetisch, sondern verursacht auch starke Rückenschmerzen sowie Lungenfunktionsstörungen.
Während sie nun von der Anästhesie eingeleitet wird, schliesst ein orthopädischer Oberarzt die Patientin ans intraoperative Neuromonitoring an – dazu später mehr. Er erläutert mir, dass er dafür eine umfangreiche Schulung absolviert habe und sämtliche Funktionen des Geräts beherrsche. Mit Beginn der Operation arbeiten die Ärzte der Neurochirurgie und der Orthopäde Hand in Hand. Gemeinsam legen sie die Wirbelsäule vorsichtig frei und positionieren anschliessend Schrauben und Stäbe – stets unter Überwachung des Neuromonitorings. Alle wirken routiniert, konzentriert und zugleich entspannt. Die Operation wird erfolgreich durchgeführt. Auf meine Frage, wo sie diese Erfahrung gesammelt haben, erklären sie mir, dass eine französische Mission seit mehreren Jahren alle sechs Monate diese Eingriffe durchführt und ihr Wissen an die kambodschanischen Kollegen weitergibt. Diese Mission wird dem Jayavarman VII in Siem Reap eine Woche später einen weiteren Besuch abstatten.
Dafür sind drei Ärzte aus Toulouse (FR), Professor Jérôme Sales de Gauzy (Chirurgie), Dr. med. Jean-François Trinchero (Anästhesie) und Dr. med. Patrice Henry (Neurologie) für eine Woche nach Siem Reap gereist. Während dieser Mission haben sie nicht nur zehn Operationen zusammen mit den Ärzten aus dem Kantha Bopha-Spital durchgeführt, sondern auch insgesamt 76 Kinder mit Skoliose untersucht und beurteilt, ob eine Operation notwendig ist. Das Besondere: Dank der tatkräftigen Unterstützung und des Teachings aus Frankreich ist das Orthopädie-Team hier im Spital nun in der Lage, selbständig unkomplizierte Skoliose-Fälle zu operieren.
Am letzten Tag der Mission hatte ich, Sina, die Gelegenheit, das Team bei zwei Operationen zu begleiten. Mit grosser Bewunderung konnte ich beobachten, wie alle drei Ärzte gezielt das Team aus Kambodscha supervidierten, da nicht nur das Zusammenspiel zwischen den Chirurgen und der Anästhesie von höchster Wichtigkeit ist, sondern auch die kontinuierliche neurologische Überwachung des Patienten während der gesamten Operation. Dr. med. Trinchero erzählte mir, es sei jedes Mal ein grosses Wiedersehen unter Freunden, wenn sie hier auf Mission seien, da sie das gesamte Team seit Jahren kennen würden. Obwohl es jedes Mal auch viel Arbeit und ein straffes Programm sei, würden sie aber immer wieder sehr gerne kommen. Diese Mission hat mir wieder einmal gezeigt, was die Medizin so besonders macht: Sie bringt Menschen zusammen mit dem gemeinsamen Ziel, sich für die Gesundheit und das Wohl anderer einzusetzen. Es war für mich eine sehr tolle Erfahrung, das Team einen Tag lang begleiten zu dürfen, und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Rund zwei Wochen später führten die einheimischen Ärzte zum ersten Mal eine Skoliose-Korrektur nach dem Besuch der französischen Kollegen durch, nun bereits die zweite Operation dieser Art unter rein kambodschanischer Führung. Diese durfte wiederum ich, Bénédicte, mitverfolgen. Die junge Patientin, die operiert wurde, litt an einer lumbalen Skoliose, die bei starker Ausprägung durch Platzmangel und erhöhte Druckverhältnisse im Bauchraum sogar das Verdauungssystem beeinträchtigen kann. Besonders spannend zu sehen war dabei das bereits erwähnte Neuromonitoring. Vor, während und nach der OP wird mithilfe von Elektroden die Funktion wichtiger motorischer und sensibler Nervenbahnen überprüft: Das motorische Signal wird am Muskel gemessen, nachdem die entsprechende Region im Gehirn elektrisch stimuliert wurde. Die sensible Antwort wiederum wird im Gehirn nach Anregung eines peripheren Nervs aufgezeichnet. Damit können Verletzungen von Rückenmark oder Nervenwurzeln durch die Einlage der Schrauben an der Wirbelsäule frühzeitig erkannt und deren Lage allenfalls angepasst werden, um so irreversible Schäden zu vermeiden.
Während Orthopäden und Neurochirurgen die Operation durchführen, ist ein Neurologe für das Monitoring verantwortlich und informiert das Team regelmässig über die Signale des Nervensystems. Schritt für Schritt wurde mir die Anlage des Neuromonitorings erklärt, bevor die Chirurgen mit sicheren Handgriffen die Wirbelsäule der Patientin operierten. Nach erfolgreichem Abschluss des Eingriffs wirkte das Team sichtlich erleichtert und stolz auf das Resultat sowie die neue Lebensqualität, die sie der Patientin damit ermöglicht haben. Ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenstransfer hier gelebt wird – einer der zentralen Bestandteile der Philosophie des Kantha Bopha-Spitals.
Liebe Grüsse aus Siem Reap
Anaëlle, Sina und Bénédicte




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