Was Menschen prägt
- stiftungkanthaboph
- vor 2 Tagen
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Es ist nun ein paar Wochen her, seit ich nach meinem Einsatz für die Beat-Richner-Stiftung wieder zurück in der Schweiz bin. Kambodscha als Land und als Gesundheitssystem hat Eindrücke hinterlassen, die mich noch lange begleiten werden.
Die Kombination aus Hitze, Luftfeuchtigkeit und Lärm gibt jedem Tag ein permanentes Hintergrundrauschen. Maschinen, Patientinnen und Patienten, Eltern, das Team – alles klingt gleichzeitig. Auch nach mehreren Tagen fühlt es sich an, als wären die Sinne immer noch überflutet: links ein weinendes Kind, rechts ein Handy, das Kindervideos viel zu laut abspielt. Und mir gegenüber ein Arzt, der versucht, in einer Sprache, die für uns beide nicht die Muttersprache ist, zu erklären, welche Krankheitsbilder auf der Intensivstation gerade häufig sind. Zu dieser Jahreszeit: Dengue. Und immer wieder die allgegenwärtigen Verkehrsunfälle.
Rückblickend sind die Tage eigentlich kurz. Start um sieben, Mittagspause von 11.30 bis 14.00 Uhr, genug Zeit, um kurz durchzuatmen, etwas zu essen und vielleicht sogar einen Mittagsschlaf hineinzuschieben, bevor man sich wieder in den Nachmittag stürzt. Und doch ist jeder einzelne Tag intensiv. Oft ist man nur wenige Tage auf derselben Station eingeteilt, bevor sich die Gesichter von Ärztinnen, Ärzten und Pflege wieder ändern. Neue Teams, neue Patienten, neue Probleme, und kaum hat man das Gefühl, einen Rhythmus zu finden, verschiebt er sich bereits wieder.
Der Spitalalltag spiegelt sich auch ausserhalb der Mauern. Rund um das Gelände warten Eltern von Patientinnen und Patienten, die nicht hinein dürfen. Dazwischen mobile Essstände, deren frittierte Gerüche weit tragen, und Kinder, die am Strassenrand spielen, als gäbe es keinen besseren Ort. Kambodscha pulsiert. Ein konstanter Strom durch Städte und Strassen, laut, warm, lebendig.

Und irgendwo in diesem Strom muss man als Schweizer Student, mitten in der Ausbildung, seine Rolle finden. Man ist Gast und irgendwie trotzdem mittendrin. Man soll lernen, man wird ermutigt, manchmal auch gefordert. Aber es darf nicht zum Selbstzweck werden. Wo kann ich helfen? Wo ist Zurückhaltung die professionellere Entscheidung, damit man nicht aus Übereifer Schaden anrichtet, der einen jungen Menschen noch viele Jahre begleiten würde?
Von diesen Wochen bleiben mir keine perfekten Geschichten. Die gibt es, glaube ich, nicht. Aber es bleiben Bilder und Eindrücke: konzentrierte Gesichter, Humor, egal in welcher Situation, Müdigkeit in einem System, das unglaublich viel abverlangt. Und es bleibt ein grosser Respekt für Menschen, die Tag für Tag viel tragen. Oft still. Oft mit einer Selbstverständlichkeit, die mich beeindruckt hat.
Nach Wochen, die sich mehr und mehr ineinander mischten, wollte ich das Land auch ausserhalb des Spitals kennenlernen, nicht nur aus der Distanz und in den Momenten zwischen Unterkunft und Spitalgelände.
In dieser Zeit wurden Nachtbusse, Vans und Geduld meine treuen Gefährten. Für eine Woche war jeder Morgen ein anderer Ort, und jeder Tag war gefüllt mit Wegen und Erlebnissen, die mich noch lange begleiten werden.

Ein Höhepunkt waren die knapp 48 Stunden, die ich, begleitet von einem Guide aus dem Bunong-Stamm, in einem fast unberührten Dschungel in einer abgelegenen Region des Landes verbringen durfte. Dort besitzt eine Organisation seit einigen Jahren ein grosses Stück Land, das sie nutzt, um Elefanten aus Kambodscha und aus naheliegenden Ländern wie Vietnam aufzunehmen. Viele dieser Tiere wurden als Nutztiere in Dörfern eingesetzt und haben Jahre harter körperlicher Arbeit hinter sich.
Finanziert wird das Projekt durch Touren für Touristinnen und Touristen, die Zeit mit den Elefanten verbringen, sie füttern oder mit ihnen im Fluss baden. Und auch hier kommt man nicht um den Gedanken herum, als Tourist eine seltsame Doppelrolle einzunehmen, gleichzeitig Teil des Problems und Teil der Lösung zu sein. Im Idealfall würde man Tiere und Wald einfach in Ruhe lassen. Selbst in einer geschützten Umgebung tauchen manchmal aus dem Schlamm Zigarettenstummel von Besuchergruppen auf. Und doch ist genau diese Arbeit nur möglich, weil die Touren sie finanzieren.

Mit Abstand der eindrücklichste Teil der Reise waren für mich jedoch S-21 und die Killing Fields in Phnom Penh, Orte der Gewalt aus der Zeit der Roten Khmer.
Räume voller Bilder, Namen und Geschichten von Menschen, die dort festgehalten wurden und das Gebäude nie mehr frei verlassen haben. Es ist ein Stück Geschichte des Landes, das viele ältere Kambodschanerinnen und Kambodschaner noch am eigenen Leib erfahren haben und das sich, oft ohne dass es ausgesprochen wird, an jüngere Generationen weitergibt.
Als mir im Spital erklärt wurde, dass Mütter im Gebärsaal oft keinen Laut von sich geben, aus Angst vor den Roten Khmer, konnte ich mir davon zuerst kein Bild machen. Damals fehlte mir das Verständnis dafür, was in dieser Zeit geschah, wenn man auf irgendeine Weise negativ auffiel. Nach dem Besuch von S-21 und den Killing Fields kam die schreckliche Erkenntnis.
Als ich nach dieser Woche wieder zurück nach Siem Reap kam, war das Spital dasselbe. Die Stadt war dieselbe. Und trotzdem fühlte sich vieles leicht verschoben an. Vielleicht, weil ich ausserhalb der Klinik besser verstanden hatte, in welchem Land diese Medizin stattfindet. Vielleicht auch, weil S-21 und die Killing Fields das Wort «Würde» auf eine andere Art schwer gemacht haben.
Diese Woche unterwegs war keine Flucht aus dem Spitalalltag, sondern eine Erweiterung davon. Sie hat mir gezeigt, wie viel ein Land aushält und trotzdem weitergeht. Und sie hat mir klargemacht, dass die Arbeit im Spital nicht im luftleeren Raum passiert, sondern mitten in einer Gesellschaft, die ihre Geschichte mitträgt. Vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion dieser zwei Monate: dass Medizin nicht nur Behandlung ist, sondern immer auch Begegnung mit dem, was Menschen prägt.
Mit herzlichen Grüssen
Jason




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