Einblick in die Maternité

Einen Monat durfte ich nun in der Maternité des Jayavarman VII in Siem Reap verbringen. Frauen aus entfernten Provinzen kommen täglich zu uns, um hier ihre Kinder zu gebären. Genau wie auch sonst in den Kantha Bopha-Spitälern, ist auch die Behandlung rund um die Schwangerschaft und die Geburt kostenlos. Rund um die Uhr arbeiten hier die Teams der Geburtshilfe. Täglich über 50 Geburten. Eine Zahl, die ich mir vor meinem Praktikum kaum vorstellen konnte, da ich bis dahin nur die Geburtshilfe aus Schweizer Spitälern kannte. Bereits an meinem ersten Tag durfte ich hautnah Geburten miterleben, lernen, wie allfällige Geburtsverletzungen bei den Frauen versorgt werden und wie die Neugeborenen in ihre bunten Tücher gewickelt werden.
Während mehrere Frauen in einem Gebärsaal gleichzeitig ihre Kinder zur Welt bringen, warten draussen auf dem Gang bereits ein weiteres Dutzend Frauen, die ebenfalls in den Wehen liegen. Definitiv ein Bild, welches ich so nicht aus der Geburtshilfe in der Schweiz kannte. Doch schnell habe ich mich daran gewöhnt und gelernt, trotz der Vielzahl an Geburten, die parallel laufen, nicht den Fokus zu verlieren.
«Work with your hands AND especially with your heart», hat mir Dr. Kongkea Neav, eine der Ärztinnen der Maternité, in meiner ersten Woche gesagt. Mit unglaublicher Hingabe betreut sie zusammen mit ihrem Team unzählige Frauen, je nach Rotation in der ambulanten Sprechstunde für eine pränatale Ultraschalluntersuchung oder später im Gebärsaal. Auch wenn es noch so viele Patientinnen jeden Tag gibt, soll jede einzelne Frau die bestmögliche medizinische Versorgung erhalten. In der Maternité geht es nicht nur um das Wohlergehen der Neugeborenen, sondern genauso um die frischgebackenen Mamas.
Das hohe Aufkommen an Patientinnen erfordert auch eine gute Aufteilung der Aufgaben. Die Ärztinnen und Ärzte der Maternité rotieren fortlaufend in ihren Tagesaufgaben: vom Ambulatorium über den Gebärsaal und den OP-Saal für Sectios (Kaiserschnitte) bis hin zur Betreuung der stationären Patientinnen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist das Durchführen der Ultraschalluntersuchungen, bei welchen ich die Ärztinnen und Ärzte ebenfalls begleiten durfte.
Für gewöhnlich findet im ersten Trimester der Schwangerschaft die erste Ultraschalluntersuchung statt, um die Schwangerschaft zu bestätigen. Im weiteren Verlauf folgt dann eine weitere Untersuchung, das sogenannte Organscreening. Häufig ist es jedoch so, dass sich Patientinnen erst in der weit fortgeschrittenen Schwangerschaft vorstellen und beispielsweise ein angeborener Herzfehler erst kurz vor der Entbindung entdeckt wird.
Angeborene Herzfehler, neurologische Auffälligkeiten, Fehlbildungen der Extremitäten und weitere Malformationen werden hier beinahe täglich in der Ultraschallsprechstunde entdeckt, weshalb diese Art von Untersuchung auch so wichtig ist. Selbstverständlich ist es dann ebenso wichtig, die werdenden Mütter beispielsweise über den vorhandenen Herzfehler aufzuklären und gemeinsam zu besprechen, wie es weitergeht. Eine frühzeitige Planung und der Austausch mit der Herzchirurgie bereits vor der Geburt sind hierbei unabdingbar. Denn häufig ist nach der Geburt eine erste genauere kardiologische Untersuchung oder sogar eine rasche operative Behandlung notwendig. Zum Glück verfügt das Kinderspital über Herzchirurgie, sodass Mutter und Kind hier in den besten Händen sind.
Besonders beeindruckt hat mich das Fachwissen der Ärztinnen und Ärzte in Bezug auf die Fetalmedizin und Sonographie. Weshalb es auch nicht verwundert, dass sogar Ärzte aus anderen Spitälern aus ganz Kambodscha nach Siem Reap kommen, um vor Ort ihr Wissen und ihre Fähigkeiten im Umgang mit dem Ultraschallgerät zu erweitern. Mein persönliches Highlight war jedoch definitiv zu sehen, wie viel Freude wir den werdenden Müttern bereiten konnten, sobald sie ihr Kind auf dem Ultraschallbildschirm erblickten.
Ich durfte in diesen vier Wochen in der Maternité unglaublich viel lernen und wertvolle Erfahrungen und Eindrücke sammeln, die mich mein ganzes Leben lang begleiten werden. Es ist bemerkenswert, welche Arbeit hier Tag für Tag geleistet wird, damit Mutter und Kind wohlauf nach Hause gehen können. Ich bin dankbar, dass ich für einen Monat einen kleinen Teil dazu beitragen durfte.
Mit herzlichen Grüssen aus Siem Reap
Sina




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