Vor und nach dem Aufprall
- stiftungkanthaboph
- vor 3 Tagen
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Ich sitze auf der Rückbank im Auto einer Freundin, als wir gemeinsam um 6.30 Uhr morgens zum Krankenhaus fahren. Auch sie arbeitet im Kantha Bopha-Spital in Siem Reap. Als angehende kambodschanische Ärztin absolviert sie hier einen Teil ihrer klinischen Ausbildung. Am Vorabend hat sie Daphne und mich eingeladen, gemeinsam mit ihr und einer Pflegefachfrau der Heart-ICU bei ihr zu übernachten. Wir haben zusammen gegessen, gelacht und uns über unsere Arbeit sowie die Unterschiede zwischen dem schweizerischen und kambodschanischen Gesundheitssystem unterhalten.
Nun sitzen wir noch nicht ganz wach im Auto, als es etwa hundert Meter vor uns plötzlich kracht. Zwei Jugendliche werden von einem Motorrad geschleudert. Während der Junge rasch wieder aufsteht, bleibt das Mädchen regungslos auf der Strasse liegen. Innerhalb weniger Sekunden eilen Menschen zur Unfallstelle, tragen sie an den Strassenrand und versuchen, erste Hilfe zu leisten. Für einen kurzen Moment wird es still im Auto.
Etwa zwei Stunden später stehe ich steril eingekleidet im neurochirurgischen Operationssaal. Mir wird erklärt, dass wir an diesem Vormittag eine dekompressive Hemikraniektomie bei einem kleinen Jungen durchführen werden. Er wurde nach einem Motorradunfall mit einer schweren Hirnblutung eingeliefert.
Da das Gehirn vollständig vom Schädelknochen umgeben ist, kann es bei einer Schwellung nicht ausweichen. Der Druck im Inneren des Schädels steigt an, gesundes Hirngewebe wird komprimiert und lebenswichtige Strukturen können geschädigt werden. Bei diesem Eingriff wird ein grosser Teil des Schädelknochens vorübergehend entfernt, um dem angeschwollenen Gehirn Platz zu schaffen. Die Operation dient dazu, den Druck zu entlasten und weitere Hirnschäden zu verhindern.

Während ich im Operationssaal stehe, gehen mir die Bilder des Unfalls vom Morgen nicht mehr aus dem Kopf. In den letzten Wochen habe ich im Kantha Bopha-Spital zahlreiche Kinder mit schweren Verletzungen nach Motorradunfällen gesehen. Viele erleiden sogenannte Polytraumata – schwere Verletzungen mehrerer Organsysteme gleichzeitig. Besonders häufig sind Schädel-Hirn-Traumata, innere Blutungen oder komplizierte Knochenbrüche. Nicht selten verändern diese Unfälle ein Leben innerhalb weniger Sekunden dauerhaft.
Motorräder sind für viele Menschen das wichtigste und oft einzige Transportmittel. Ganze Familien fahren gemeinsam auf einem Motorrad durch die Stadt oder über lange Strecken auf dem Land. Gleichzeitig fehlen vielerorts Sicherheitsmassnahmen. Trotz gesetzlicher Helmpflicht tragen besonders Kinder häufig keinen Helm. Hochwertige Helme stellen für viele Familien eine erhebliche finanzielle Ausgabe dar. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für die schweren Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas nicht überall gleich ausgeprägt. Hinzu kommen schlecht ausgebaute Strassen und dichter Verkehr.
Während ich im Operationssaal stehe, wird mir bewusst, wie wichtig neben der medizinischen Versorgung auch Prävention ist. In den vergangenen Wochen habe ich auf verschiedensten Stationen erlebt, wie das medizinische Personal die Gelegenheit nutzt, Menschen über Gesundheitsthemen aufzuklären. Neben den oft stundenlangen Operationen ist auch diese Präventionsarbeit unverzichtbar, um langfristig schwere Verletzungen zu verhindern und Kindern bessere Zukunftschancen zu ermöglichen.
Was bleibt: Wenn ich nach einem langen Arbeitstag das Spital verlasse und durch Siem Reap fahre, sehe ich plötzlich überall nur noch Motorräder. Kleine Kinder zwischen ihren Eltern, Familien zu viert oder fünft auf einem einzigen Fahrzeug – viele ohne Helm. Nach meiner Zeit in der Neurochirurgie kann ich diese Bilder nicht mehr unbeschwert betrachten. Ich denke an die Kinder, die ich im Operationssaal gesehen habe, wie viel Leid sich mit wirksamer Prävention vielleicht verhindern liesse und daran, wie das Personal im Kantha Bopha-Spital täglich dafür kämpft, diesen Kindern die beste medizinische Versorgung zu geben.
Mit besten Grüssen
Ila




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